Cuba on the road - in den Straßen von Havanna

Kuba wäre nicht Kuba, wenn diese Insel sich unter einem gemeinsamen Nenner beschreiben ließe. Die Insel ist auf der Suche nach ihrer Identität. Einerseits ist sie ein wahr gewordener Karibik-Traum: Weiße Strände und wehende Palmen, amerikanische Oldtimer und zauberhafte andalusische Innenhöfe. Sowie Reis-, Zuckerrohr-, Tabak-Plantagen in tropischer Vegetation. Die Bars servieren Mojito und an jeder Ecke in Havanna hört man Rumba, Salsa und Son.Andererseits ist Kuba aber noch immer die Insel der kommunistischen Revolution, mit Einschränkungen im Alltag, mit einem unbändigen Lebenswillen und dem dazugehörigen Improvisationstalent. Das erlebt man auch, wo man vielleicht nicht danach suchen würde: beim Verkehr!Zum Beispiel: die Autobahn. Die Strecke von La Havanna nach Viñales ist weitgehend flach und gerade – damit enden mögliche Parallelen mit dem heutigen Europa! Die Herausforderung, wenn man am Steuer sitzt, liegt nicht an dem flauen Verkehr und an der im Allgemeinen sehr mäßigen Geschwindigkeit: Der Slalom zwischen den unzähligen Schlaglöchern verlangt höchste Konzentration. Denn nebenbei soll man auch Fahrradfahrern, Rindern, streunenden Hunden, Reitern, entlaufenen Hühnern, Karren und Fußgängern ausweichen, die unvermittelt die Autobahn überqueren. Vor allem bei Sonnenuntergang, wenn das Licht die Konturen verschwimmen lässt und die Menschen von der Arbeit schnell in ihre Dörfer zurück wollen.

Als Beifahrer ist die Fahrt ein lehrreiches, unterhaltendes Erlebnis: Die Straße als Spiegelbild von Kuba, einer Gesellschaft, die sich den wirtschaftlichen und politischen Einschränkungen nicht ergibt.
In gemächlichem Tempo – nicht zuletzt auch weil Benzin und Diesel knapp und teuer sind – überholt man bunte, liebevoll gepflegte amerikanische Oldtimer: Chevrolet, Cadillac, Buick, Ford, Chrysler. Dank des 57-jährigen Handelsembargos werden die von den Amerikanern zurück gelassenen Autos weiter benutzt. Wenn sie eindeutige Rauchsignale geben, werden neue Motorteile gebastelt.

Weniger gepflegt, dafür umso günstiger im Verbrauch sind die begehrtesten Fotomotive für italienische Touristen: die vorsintflutlichen Fiat, Cinquecento, Seicento, Millecento! Juwelen sind auch die kleinen Einspänner, von Eseln oder Pferden gezogen, zwei- oder dreisitzig, mit oder ohne Überdachung, immer bunt. Sie sehen so aus, als ob sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetischen Union, die Kuba mit Rohstoffen unterstützt hatte, in letzter Not aus der Scheune unter den Heuballen herausgeholt wurden.

Bei den Motorrädern überwiegen russischen Marken. Ein seltener Anblick sind kleine Gruppen von – ausländischen – Bikern auf Harley Davidsons oder BMWs. Alltäglich dagegen verschiedene Generationen von Fahrrädern: von stämmigen Frauen geschobene alte Eisen beladen mit Gemüsekörben, Kleinkindern und Haushaltsgegenständen. Auf monumentalen Herrenrädern fahren Mädchen mit leichten Sandalen und Stern-besetzten Rucksäcken im Stehen; auf brüchigen Rostesel kämpfen sich drahtige ältere Herren voran, und rasende Jugendliche haben irgendwo ein funkelndes Mountainbike aufgetrieben. Damit überholen sie vor sich hin tuckernde Mofas, deren Fahrer rigoros Helme tragen.Am Straßenrand ist der Asphalt brüchig und es gibt immer wieder Hindernisse: kleine Rinderherden, Fußgänger und improvisierte Stände mit Kokosnüssen, Apfelsinen und Süßkartoffeln, die an Lastwagenfahrer verkauft werden. Auf deren Ungetümen fahren Hunderte von Menschen mit: Manchmal auf schwindelerregender Höhe an der Ware und an die Gatter gekrallt. Oder auch auf der Ladefläche stehend, wo sie – von der Menge gestützt – keinen Platz zum Umfallen haben.

Auch außerhalb der Orte, auf Überführungen oder an deren Pfeilern zeugen Plakate und Malereien von einer brüchigen geschichtlichen Kontinuität: Konterfeis meist in Schwarz-Weiß vom unvergessenen Comandante Che Guevara („La palabra enseña, el ejemplo guía“: Das Wort lehrt, das Beispiel leitet) und, meist in Farben, Bilder von Fidel Castro („Hasta la victoria, siempre!“: Bis zum Sieg. Immer!). Meistens verblasst sind die Worte, die heute niemanden mehr lehren: "Revolucion es unidad": Revolution ist Einheit. Dagegen offenbar nach dem letzten Orkan Irma wieder frisch aufgetragen die Schrift: "No al bloqueo injusto y genocida": Nein zum ungerechten Embargo und Völkermord. Eine Aussage, der wohl jeder Kubaner unmittelbar zustimmen würde.

Trotz des Embargos einen Weg zu finden, um unterwegs zu sein, sich auszutauschen, nicht aufzugeben, ist heute der existentielle Kern der Revolution. Im Schatten von Überführungen und Brücken sammelt man sich, um weiter zu reisen. Man bewegt sich fort und man tauscht sich aus, eine Horizonterweiterung im wahrsten Sinne des Wortes. An diesen kleinen Menschen-Oasen, meist in der Nähe von Dörfern, werden die klapprige Busse, Privatautos und Lastwagen von Amarillos angehalten. Diese Amtspersonen werden nach ihrer gelben (amarillo) Arbeitsjacke benannt und haben die Aufgabe, den Transport zu organisieren und dafür zu sorgen, dass private Autofahrer anhalten und so viele Wartende wie möglich aufnehmen. Wer es eilig hat, fährt trotzdem einfach weiter. Manchmal sieht man auch neue Linienbusse, chinesische Fabrikate, wie auch die hochmodernen Touristenbusse, die sowieso ohne zu halten durchbrettern, womit der Kontrast auf den Straßen nicht größer sein könnte. Lebendiger geht es bei den inoffiziellen Sammelstellen zu: Hier winkt man selber die Vorbeifahrenden heran und nimmt alles, was sich einigermaßen fortbewegt. Gezahlt wird je Strecke, Fahrtdauer und Fahrzeug.

Ein Blick nach rechts, auf dem Seitenstreifen kommt eine Kutsche im Gegenverkehr! Eine Minute später: Von einem Verkaufsstand sind die Kokosnüsse auf die Straße gerollt, Kinder winken uns zu, während wir vorbeifahren. Vier Menschen auf einem Motorrad gelingt es gerade noch, einer Kuh auszuweichen. Vorne sind Passagiere aus einem Lastwagen ausgestiegen, jemand hat vielleicht seine Hacke auf der Ladefläche vergessen, weshalb der Lastwagen plötzlich rückwärts fährt.
Man schaut, fotografiert, es werden Bilder und Eindrücke gesammelt, die später zu Hause fast unglaublich wirken. Jeder Kilometer ist ein anderes Spektakel, das von der Fülle des Lebens, der Fantasie, dem Überlebenswillen und der Energie auf dieser einzigartigen Insel erzählt.


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